Therapie
10.09.2026
Risiko oder Potenzial?
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KI in der Therapie
Der Einsatz von KI-Technologie beim Training oder in der Sporttherapie hat in den vorigen Jahren stark zugenommen und ist schon jetzt aus dem Alltag moderner Fitness- und Therapieeinrichtungen nicht mehr wegzudenken. Insgesamt bieten KI-Anwendungen große Chancen für die Gesundheit – von Präzisionsdiagnostik über personalisierte Therapie- und Trainingssteuerung bis hin zur Verletzungsprävention. Gleichzeitig gibt es aber auch einige Bedenken gegenüber der Umsetzung.
Blicken wir dabei zunächst auf die positiven Aspekte eines Einsatzes künstlicher Intelligenz. Dabei lassen sich einige Bereiche identifizieren, in denen entsprechende Anwendungen hilfreich sind:
1. Individualisierung des Trainings
Unter dem Stichwort Biohacking erfasst und analysiert KI große Datenmengen der menschlichen Physiologie (u.a. Bewegungsdaten, Vitalparameter, Trainingsergebnisse, Schlaf, Stress). Darauf basierend werden individuelle Therapie- und Trainingspläne erstellt, die sich dynamisch an Leistung, Belastbarkeit und Fortschritt des Patienten oder Kunden anpassen können. Dieser Prozess kann besonders in der medizinischen Reha, wie auch im Spitzensport relevant sein, da hier kleinste Entwicklungen erfasst und für den weiteren Verlauf analysiert werden können.
2. Bewegungsanalyse
Sowohl in der Sporttherapie orthopädischer Erkrankungen oder Verletzungen des Muskel-Skelett-Systems wie auch im Leistungssport ist die Analyse von Bewegungen sehr wichtig für den Erfolg. KI-gestützte MotionCapture-Systeme erfassen dabei Bewegungen und können diese zur Steuerung von Computermodellen oder zur Erstellung von Animationen nutzen. Dabei werden Fehler in Bewegungsabläufen in Echtzeit erfasst und können genauer als über das menschliche Auge analysiert werden. Insbesondere bei schnellen oder komplexen Bewegungsabläufen ist dies von Vorteil und kann Trainer und Therapeuten bei Technikschulungen und Korrekturen von Bewegungen unterstützen.
3. Verletzungsprävention
KI kann sehr zuverlässig Bewegungsmuster und Belastungsdaten iden - tifizieren und diese mit idealen Bewegungen und Kraftverläufen abgleichen. So lassen sich Hinweise auf Überlastungen und daraus resultierenden Verletzungsrisiken finden. Gleichzeitig stellt KI eine Art Frühwarnsystem dar, welches anhand von Bewegungsanalysen z.B. Ermüdung, asymmetrischen Belastungen oder fehlerhafte Bewegungsmuster er - kennt und somit die Belastungssteuerung im Training regulieren kann.
4. Effizienzsteigerung
Zeit ist in vielen therapeutischen und gesundheitsorientierten Einrichtungen häufig ein Faktor, insbesondere dann, wenn sie fehlt. Durch automatisierte Prozesse in administrativen Abläufen u.a. in der Falldokumentation, bei Trainingsprotokollen oder Entwicklungsberichten, können Therapeuten und Trainer zeitlich entlastet werden. Dies steigert die Effizienz der Anwendung, da insgesamt mehr Zeit für operative Kernaufgaben zur Verfügung steht.
5. Motivation & Gamification
In einem Zeitalter welches überwiegend von Bewegungsmangel geprägt ist, suchen Experten noch immer nach dem Schlüssel, mehr Menschen für Bewegung und Sport zu begeistern. KI-basierte Feedbacksysteme, VR/AR-Interventionen oder adaptive Trainingsspiele können hier die Compliance für mehr Bewegung erhöhen. Insbesondere in der Zielgruppe Kinder und Jugendliche aber auch bei Senioren und in monotonen Therapieprozessen können diese Gamification-Ansätze die Motivation zu mehr Bewegung erhöhen.
Neben diesen positiven Nutzungsmöglichkeiten von KI in Sport und Therapie, gibt es aber auch kritische Bemerkungen, die durchaus berechtigt sind:
1. Daten- und Persönlichkeitsschutz
In allen kritischen Betrachtungen zur Nutzung von KI wird der Schutz personenbezogener Daten als erstes genannt. Auch im Bereich von Therapie und Training ist dies ein berechtigter Punkt, denn Gesundheits- und Bewegungsdaten sind besonders sensibel. Daher gilt es Risiken durch Missbrauch, fehlerhafte Datenspeicherung oder unklare Verantwortlichkeiten dringlich zu vermeiden. Zudem ist die Nutzung kommerzieller Anwendungen zu hinterfragen, bei denen das Sammeln von Personenbzw. Kundendaten im Vordergrund steht.
2. Abhängigkeit von Technologie
Wo immer der technische Fortschritt Einzug hält, besteht die Gefahr, dass wir Menschen unsere Potenziale nicht mehr voll ausschöpfen und es uns lieber einfach machen. Wer geht denn schon noch über die Treppe in die vierte Etage, wenn man auch den Fahrstuhl nehmen kann? Ähnliche Phänomene sind in der Nutzung von KI zu beobachten. Dabei verlassen sich Trainer, aber auch Patienten zunehmend auf das Feedback durch KI, ohne reflektiert zu hinterfragen. Sich zu sehr auf die KI zu verlassen, birgt die Gefahr, dass die propriozeptive Eigenwahrnehmung der Trainierenden verloren geht. Gleichzeitig kann das Standing der Trainer-/Therapeutenkompetenz verloren gehen. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass fehlerhafte Algorithmen zu falschen Empfehlungen oder Diagnosen führen.
3. Mangel an Interaktion
Wann immer Menschen mit Menschen arbeiten, ist der Erfolg von der Interaktion im Team abhängig. Dies gilt insbesondere im Training und der Therapie. So kommt der menschlichen Beziehung zwischen Sportler und Trainer bzw. zwischen Therapeut und Patient noch immer eine besondere Bedeutung zu. Denn Empathie, Motivation oder mentale Unterstützung können durch KI nicht ersetzt werden und werden sogar vom Sportler/Patienten aktiv eingefordert.
Doch bei all den Bedenken ist die Entwicklung und zukünftige Nutzung von KI in Training und Therapie nicht mehr aufzuhalten. Um den Trainern und Therapeuten bzw. den verantwortlichen Einrichtungen, die Bedenken in der Anwendung zu nehmen und von den vorhandenen Vorteilen zu profitieren, sollten folgende Punkte berücksichtigt werden:
1. Datenschutz & Transparenz
Die Nutzung von DSGVO-konformen Systemen muss als Standard vorausgesetzt werden. Zudem muss für den Sportler bzw. Patienten transparent sein, welche Daten erfasst werden, wer Zugriff auf die Daten hat und wo sie für welchen Zeitraum gespeichert werden? Die Empfehlung lautet, Daten nur lokal zu speichern und dabei nach dem Minimalprinzip nur das Nötigste zu erfassen.
2. Menschliche Expertise bleibt zentral
Bei allen technischen Möglichkeiten, die KI in Training und Therapie vorzuweisen hat, so bleibt doch der Mensch in Form der Expertise als Therapeut oder Trainer immer das Korrektiv. So ist die Rollenverteilung zwischen Mensch und KI sehr eindeutig zu regeln:
- ❯ KI als Assistenz- und Analysetool
- ❯ Mensch als verantwortlicher Entscheider, der die Empfehlungen und Ergebnisse der KI interpretiert und validiert.
3. Qualität der Datenerhebung
sichern Jede Technik ist nur so gut, wie der Mensch, der sie einrichtet oder programmiert. Dies gilt insbesondere auch im Bereich der Bewegung. Regelmäßige Überprüfungen der Modelle auf Fehlinterpretationen sowie das Kalibrieren der Geräte und Messsensoren, aber auch regelmäßige Updates gehören damit zu den zukünftigen Aufgaben der Verantwortlichen.
4. Ethische Aspekte
Autonomie ist ein hohes Gut und darf auch durch KI nicht eingeschränkt werden. Somit muss für alle Beteiligten immer klar formuliert sein, dass durch KI keine Überwachungskultur in Training oder Therapie entsteht. Vielmehr sollte KI die Eigenständigkeit der Sportler durch verbesserte Möglichkeiten stärken, nicht aber einschränken. Zudem dürfen keine Hürden der Nutzbarkeit entstehen. KI muss für alle finanziell zugänglich und auch anwendbar sein.
AUTOR
Christian Kunert ist Gesellschafter und Geschäftsführer der Akademie für Prävention & Fitness GmbH (www.akapraefit.de), Inhaber der Beratungsagentur KunertGesundheit (www.kunertgesundheit.de), Inhaber Praxis für Sporttherapie I Personal Training I Gesundheitscoaching (www.coachkunert.de) und Dozent an der IST-Hochschule in den Bereichen Gesundheitsmanagement und Prävention.
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